Wenn der Redestein kreist und die Tischglocke klingelt...
Wenn der Redestein kreist und die Tischglocke klingelt
Wie ein Frauenritualkreis 23 Jahre überlebt – zwischen Weihrauch, Website und wilden Debatten
Es gibt Menschen, die glauben, ein Frauenritualkreis bestünde hauptsächlich aus Räucherstäbchen, Trommeln, wallenden Röcken und spiritueller Harmonie.
Diese Menschen waren noch nie auf einem Konzepttreffen eines langjährig existierenden Frauenritualkreises. Einmal im Jahr treffen wir uns unabhängig von einem Ritualtreffen zu einem Konzepttreffen und besprechen alles organisatorische.
Denn wenn ein Frauenritualkreis wirklich lange lebt – nicht zwei Sommer lang, sondern 23 Jahre –, dann besteht er nicht nur aus Magie. Sondern auch aus Tagesordnungen, Raumabsagen, Finanzfragen, unterschiedlichen spirituellen Weltbildern, verletzten Gefühlen, Kompromissen, organisatorischer Ausdauer und gelegentlich einer Tischglocke.
Sehr gelegentlich auch lautstarker Debattenkultur.
Unser Frauenritualkreis Frankfurt existiert seit dem Jahr 2003. Einige Frauen aus dem Kreis sind heute Mitte siebzig. Andere sind Mitte dreißig. Manche haben ihr spirituelles Wissen aus vergilbten Übersetzungen amerikanischer Hexenbücher der 80er und 90er Jahre erworben. Andere aus Podcasts, Instagram-Accounts, Blogs und Onlinekursen.
Dazwischen sitze ich: Monika Molitor, 60 Jahre alt, Autorin mehrerer Bücher über moderne Hexenspiritualität und Frauenritualarbeit, langjährige Ritualleiterin, Organisatorin, Vermittlerin zwischen Generationen, Traditionen und manchmal auch Temperamenten.
Und genau das wurde bei unserem diesjährigen Konzepttreffen wieder einmal sehr sichtbar.
Zwischen Kirchenvorstand und Hexenkessel
Die Atmosphäre solcher Treffen schwankt auf faszinierende Weise.
Einerseits fühlt es sich an wie ein leicht esoterisch angehauchter Kirchenvorstand:
- Wer bezahlt die Homepage?
- Wer sagt den Raum ab?
- Reichen 50 Euro Jahresbeitrag?
- Wer organisiert die Gartentermine?
- Wie gewinnen wir neue Frauen?
- Wer kümmert sich um Flyer und Öffentlichkeitsarbeit?
Andererseits diskutieren plötzlich sechs Frauen gleichzeitig hochengagiert über Fragen wie:
- Ist die Mitte im Winter dunkel und karg oder hell und lichtvoll?
- Welche Namen tragen unsere Jahreskreisfeste?
- Orientieren wir uns an Wicca, feministischer Spiritualität oder modernem Heidentum?
- Gehören Runen ins Ritual?
- Wann zieht man sinnvollerweise eine Jahreskarte?
Und irgendwann sitzt man dann zwischen Kassensturz, Samhain und Raumrechnung und denkt:
Ja. Genau SO sieht lebendige Frauenritualarbeit aus.
Nicht geschniegelt. Nicht perfekt harmonisch. Sondern echt.
Die große Wahrheit über langjährige Frauenkreise
Frauenritualkreise halten nicht deshalb lange, weil immer alle einer Meinung sind.
Sie halten lange, weil die Frauen lernen, Meinungsverschiedenheiten auszuhalten.
Das ist ein gewaltiger Unterschied.
Unser Treffen dauerte mehrere Stunden. Es wurde engagiert diskutiert, manchmal temperamentvoll, manchmal humorvoll, manchmal gleichzeitig durcheinander. Ich musste mehrmals die Tischglocke benutzen, um den Redestein symbolisch wieder einzufangen.
Zwischendurch gab es eine kleine Rauch- und Pinkelpause – ein spirituelles Hochamt basisdemokratischer Frauenorganisation.
Und trotzdem – oder gerade deswegen – arbeiteten wir uns durch ungefähr 15 bis 18 komplexe Themen.
Mit Kompromissen.
Mit Zuhören.
Mit Augenrollen.
Mit Humor.
Mit gelegentlichen Missverständnissen.
Und mit dem ernsthaften Wunsch, den Kreis zusammenzuhalten.
Alte Hexen, junge Hexen und die digitale Zeitenwende
Besonders spannend finde ich inzwischen die Unterschiede zwischen den Generationen.
Die älteren Frauen wurden geprägt von Büchern. Von langen Leseprozessen. Von einzelnen Lehrerinnen. Von spirituellen Traditionen, die langsam und tief aufgenommen wurden.
Viele jüngere Frauen erleben Spiritualität heute ganz anders:
schneller, digitaler, vielfältiger, algorithmischer.
Sie lernen über TikTok, Instagram, Podcasts, YouTube und Onlinekurse. Sie bringen neue Sprache, neue Themen und neue Selbstverständlichkeiten in die Kreise hinein.
Und manchmal prallen dabei Welten aufeinander.
Aber genau darin liegt auch eine Chance.
Denn ein lebendiger Frauenritualkreis ist kein Museum.
Er ist ein Organismus.
Warum Organisation ebenfalls Magie ist
Eine der wichtigsten Erkenntnisse nach über zwei Jahrzehnten Frauenkreisarbeit lautet:
Spiritualität allein trägt keinen Ritualkreis.
Organisation trägt ihn mit.
Jemand muss:
- die Räume buchen,
- Rechnungen bezahlen,
- Mails beantworten,
- neue Frauen begleiten,
- Konflikte moderieren,
- Protokolle schreiben,
- Flyer verteilen,
- die Homepage pflegen,
- Diskussionen strukturieren,
- Termine koordinieren,
- Wetterberichte prüfen,
- Absagen organisieren,
- und manchmal schlicht darauf achten, dass genug Teelichter vorhanden sind.
Das klingt unromantisch.
Ist es aber nicht.
Denn Fürsorge für die Struktur IST spirituelle Arbeit.
Ein Frauenkreis überlebt nicht wegen der schönsten Rituale.
Er überlebt, weil einige Frauen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.
Immer wieder.
Über Jahre.
Die heiklen Themen kommen meistens zum Schluss
Wie in fast jedem langen Treffen kamen die emotional schwierigsten Themen erst ganz am Ende auf den Tisch.
Einige Frauen fühlen sich bis heute nicht vollständig integriert.
Das sind keine kleinen Themen.
Und gerade in spirituellen Gruppen können solche Gefühle sehr tief gehen, weil dort oft Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Schwesternschaft und innerer Heimat mitschwingt.
Solche Gespräche sind anstrengend.
Man tritt sich auf die Füße.
Man fühlt sich missverstanden.
Manchmal verletzt.
Und trotzdem glaube ich inzwischen:
Ein Kreis wird nicht dadurch stark, dass es keine Konflikte gibt.
Ein Kreis wird stark, wenn Konflikte ausgesprochen werden dürfen, ohne dass sofort alles zerbricht.
Merry Meet – trotz allem
Am Ende gingen wir trotzdem gemeinsam auseinander.
Mit Essen.
Mit Gesprächen.
Mit einem Merry Meal.
Mit neuen Vereinbarungen.
Mit offenen Fragen.
Mit einigen Erschöpfungserscheinungen.
Und wahrscheinlich auch mit dem leisen Gefühl:
Dass etwas Kostbares hier weiterlebt.
Denn in einer Zeit, in der vieles schnelllebig geworden ist, sind 23 Jahre Frauenritualkreisarbeit etwas Besonderes.
Nicht wegen spiritueller Perfektion.
Sondern wegen Beharrlichkeit.
Wegen Hingabe.
Wegen Streitfähigkeit.
Wegen Humor.
Wegen Gemeinschaft.
Und vielleicht auch wegen der Fähigkeit, gleichzeitig über Jahreskreisfeste, Homepagekosten und Toilettenpausen sprechen zu können.
Möge der Redestein weiter kreisen.
Und möge die Tischglocke möglichst selten nötig sein, aber fröhlich bimmeln!